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Windows optimieren? Besser nicht!

Googelt man nach "Windows optimieren", werden mehr als eine halbe Million Treffer angezeigt. Es scheint, als gäbe es einen erheblichen Bedarf an Tuning für das Betriebssystem – aber das ist leider ein Irrglaube.

Was soll überhaupt optimiert werden?

Es werden unterschiedliche Optimierungshilfen angeboten: Einerseits werden Tipps und Tools mit dem Generalversprechen angepriesen, dass alles schneller, sicherer und rundum stabiler wird, und zwar selbst auf einwandfrei laufenden Computern. Andererseits gibt es dann noch diejenigen Programme, die ein angeblich kaputtes System analysieren und reparieren. Dies geschieht der Werbung zufolge mit ein paar Klicks im Handumdrehen und bedarf keines großen Könnens.

Solche Prognosen klingen erst einmal verlockend, sind aber heutzutage in den allermeisten Fällen Unfug, der sogar sehr unangenehme Folgen haben kann. Dabei ist es egal, ob es um das Abschalten vermeintlich unnötiger Dienste geht, die den PC angeblich "ausbremsen", um "Datenmüll", den man ohne Tool nicht löschen könnte, um das Säubern der Registry, das Entleeren des Arbeitsspeichers, das Einrichten einer SSD oder die Aktualisierung von Treibern: Auf einigermaßen aktueller Hardware und mit einer einigermaßen aktuellen Version von Windows braucht es all das nicht mehr.

In Zeiten von Windows 98 noch war es zwar nicht unüblich, dass Poweruser mehrmals jährlich das System neu aufsetzen mussten, und Vista hat zu seiner Einführung die verbreitete Hardware arg überfordert. Aber diese Zeiten sind vorbei. An einem laufenden System muss niemand mehr herumdoktern und einen Defekt können die meisten Programme von Drittherstellern auch nicht erfolgreich reparieren, wenn der Anwender nicht genau weiß, was er tut.

Unzeitgemäße Ratschläge

Das Problem: Entweder nützen die Programme und Tipps nichts, dann verschwendet man mit ihnen Zeit und Ressourcen. Oder es handelt sich tatsächlich um mächtige Werkzeuge, dann birgt aber eine Rundum-sorglos-Automatik, der unerfahrene Anwender blind vertrauen, mehr Risiko als Nutzen.

Beispielsweise wird immer noch behauptet, dass man SSDs besonders schützen müsste, weil sie sonst vorzeitig altern würden. Man müsse SuperFetch, Prefetch sowie die Auslagerungsdatei deaktivieren und dürfe die SSD auf keinen Fall durch Windows optimieren lassen. Tatsächlich sind diese Ratschläge alle falsch, veraltet und teils gefährlich: Ab Windows 7 erkennt das Betriebssystem eine SSD selbstständig und nimmt alle wesentlichen Einstellungen alleine vor.[1] Beim Optimieren mit Bordmitteln wird eine SSD z. B. gar nicht defragmentiert, sondern per TRIM-Befehl lediglich optimiert. Davon abgesehen überleben moderne SSDs garantierte Schreibleistungen von 50 und mehr Terabyte, in der Praxis noch viel mehr. Totgeschrieben bekommen normale Anwender eine SSD innerhalb der Systemlebensdauer also nicht. Wer nun ohne viel Ahnung Einträge in der Registry verändert, riskiert unnötigerweise schwerwiegende Systemprobleme.

Selbstverständlich gibt es umfangreiche Tools wie den CCleaner, die übersichtlich viele Einstellungen und Aktionen ermöglichen, für die sonst eine Menge Handarbeit an diversen Stellen im Betriebssystem nötig wäre. Die Einfachheit verführt die Nutzer aber leider auch zu Maßnahmen, von denen sie gar nicht genau wissen, was sie bewirken. Wenn ein solches Tool beispielsweise die Registry analysiert und Hunderte von Einträgen zum Löschen vorschlägt, ist es eigentlich geboten, jeden Eintrag einzeln zu prüfen. So viel Mühe will sich aber niemand machen. Stattdessen wird blind gelöscht, was sich später in Fehlfunktionen bemerkbar machen kann. Die Frage ist: Warum sollte man überhaupt die Registrierungsdatenbank manipulieren, wenn der PC oder das Notebook einwandfrei laufen? Es gibt keinen guten Grund dafür.

Was man gefahrlos machen kann

Um Speicherplatz freizugeben, genügt die Datenträgerbereinigung von Windows: Ein Rechtsklick auf das Laufwerk im Explorer, dann auf Bereinigen, gegebenenfalls auch auf Systemdateien bereinigen reicht. Nun schlägt Windows vor, nicht mehr benötigte Dateien zu löschen. Der Vorgang kann besonders beim ersten Mal etwas länger dauern. Falls der sogenannte Computerschutz aktiviert ist, kann man auch manuell alte Wiederherstellungspunkte löschen, was ebenfalls Speicherplatz freigibt: Unter Systemsteuerung – System und Sicherheit – Erweiterte Systemeinstellungen wählt man den Reiter Computerschutz und dort die zu löschenden Punkte unter dem Button Konfigurieren.

Zur Behebung von einfacheren Problemen, z. B. wenn das Notebook keine Verbindung zum WLAN herstellen kann, bietet Microsoft seine easy fix-Lösungen gratis an (ehemals Fix it).[2] Wenn diese kleinen Analyse- und Reparaturprogramme nicht helfen, dann hilft unerfahrenen Anwendern auch keine Drittherstellersoftware – auch keine, die man für gutes Geld kaufen kann. Die Programme sind selbst nicht unbedingt schlecht, aber ohne vertieftes Verständnis weitestgehend unbrauchbar.

Besonders ärgerlich sind selbst ernannte Anti-Spionage-Tools, wie sie seit Windows 10 populär geworden sind. Ein spezieller Vertreter dieser Gattung verspricht, die Datenübertragung an Microsoft zu unterbinden. Tatsächlich legt das Tool lediglich diejenigen Schalter um, die man in den Datenschutzeinstellungen selbst vorfindet. Das Tool installiert aber nebenbei noch eine unerwünschte Adware, wenn man nicht aufpasst.[3] Nutzen sehr überschaubar, Schaden groß – so etwas sollte niemand installieren. Die Einstellungen zum Datenschutz lassen sich problemlos selbst erledigen.

Fazit

"Unter der Haube" ist ein Betriebssystem eine ziemlich komplexe Angelegenheit. Zwischen den einzelnen Komponenten herrschen Abhängigkeiten, die Laien nicht kennen, und die man als Anwender auch nicht kennen muss. Das angebliche Optimieren bringt kaum etwas und lohnt weder den Aufwand noch das Risiko.

 

[1]

https://answers.microsoft.com/de-de/windows/wiki/windows_10-hardware/windows-und-ssd-konfiguration-und-optimierung/cf3bb519-28e0-439d-b06e-f3e793b32501

[2]

https://support.microsoft.com/de-de/help/2970908/how-to-use-microsoft-easy-fix-solutions

[3]

http://stadt-bremerhaven.de/donotspy10/

https://securityzap.com/windows-10-privacy-fixing-tool-is-a-malware/